Es ist immer das gleiche: Die Immobilienbranche will lukratives Bauland in bester Lage schaffen, und will dafür ganze Bahnknoten unter die Erde verlegen. Zum Glück sind die meisten dieser Projekte in Deutschland nicht realisiert worden, aus guten Gründen. Denn wenn man so etwas bis zum bitteren Ende durchzieht, dann kommt so etwas heraus wie in Stuttgart:

Weil Tunnel und besonders unterirdische Bahnhöfe teuer sind, wird der neue Stuttgarter Hbf zu klein geplant: Mit nur 8 Gleisen wird die Kapazität von 37 Zügen pro Stunde auf 32 Züge pro Stunde sinken. Und obwohl das längst bekannt ist, will die Stadt Stuttgart den vom Land geforderten Ergänzungsbahnhof nicht – denn der würde den Bau der neuen Luxus Immobilien verzögern.

Auch in Köln wären gigantische Tunnel nötig, um den Bahnverkehr unter die Erde zu verlegen. Und anders als in Stuttgart müssten die unterirdischen Bahnhöfe extrem tief liegen, da der Rhein unterfahren werden muss. Es wären auch mindestens 3 unterirdische Stationen nötig (Hansaring, alter Hbf, Deutz), womöglich sogar noch mehr, denn es ist gar nicht klar, wo die Tunnel enden würden und wo überhaupt Rampen errichtet werden könnten – denn alle auf Köln zuführenden Strecken liegen ca. 6m über dem Straßenniveau auf Viadukten.

Insbesondere am jetzigen Hauptbahnhof ist es fraglich, ob dort wirklich ein so großer unterirdischer Bahnhof gebaut werden könnte. Der müsste nicht nur unterhalb des Rheins liegen, sondern müsste auch den erst 10 Jahre alten U-Bahnhof Breslauer Platz/Hbf unterqueren.

Und auch der neue Hauptbahnhof in Kalk ergibt aus Bahntechnischer Sicht sehr wenig Sinn: Wie in der Grafik zu sehen, würden alle bisherigen Linien meilenweit daran vorbei verlaufen. Die größte SPNV Knoten wären weiterhin der jetzige Hbf und der Bahnhof Messe/Deutz. Die einzige S-Bahn Linie, die am neuen Hbf halten könnte, wäre die mögliche Ring-S-Bahn, die man aber nur mit einem Umstieg erreichen könnte.

Und auch beim Regionalverkehr gäbe es Nachteile: Wie soll zum Beispiel der RE9 zukünftig verlaufen? Mit dem jetzigen Linienweg würde der neue Hbf nicht erreicht. Bei einer Umleitung über den neuen Hbf wären weitere Tunnelrampen nötig, und der Weg in die Innenstadt, wo die meisten Fahrgäste hin wollen, würde sich durch den Umweg deutlich verlängern. Ähnliche Nachteile würden auch für sämtliche andere Regionalzüge gelten.

Im Fernverkehr gäbe es nur in Nord-Süd Richtung Vorteile, hier würden sich die Fahrzeiten verkürzen. Dies wäre aber auch mit einer Führung über Messe/Deutz Tief möglich, und so ist es auch im Deutschlandtakt vorgesehen. 

Der Bahnhof Köln Messe/Deutz wäre ohnehin viel geeigneter als neuer Hauptbahnhof. Darüber könnte der Nord-Süd Fernverkehr ebenfalls beschleunigt werden und dort halten gleichzeitig aber auch sämtliche S-Bahn Linien und fast alle Regionalbahnen. Hier müsste also nur ein einzelner Bahnhof ausgebaut werden, und die Vorteile für das Bahnnetz wären weitaus größer. Pläne dazu gab es schon mehrfach, bisher hat die Politik die Kosten gescheut. Die wären aber mit ca. 0,5-1Mrd Euro um mehrere Größenordnungen geringer als das hier vorgeschlagene “Köln 21”.

Auch die Stadtbahnanbindung wäre in Deutz mit 4 Linien viel besser – am neuen Hbf hingegen würde nur die Linie 1 halten.

Der Güterbahnhof lässt sich auch nicht verlegen, es gibt im Kölner Umland einfach keine Fläche, die groß genug ist. Um Platz zu schaffen müssten entweder Siedlungen abgerissen werden oder extreme Eingriffe in die Natur in Kauf genommen werden. Das ist nicht durchsetzbar und würde den Flächengewinn in der Innenstadt ad absurdum führen.

Zu guter Letzt: Der oberirdische Ausbau des Kölner Bahnknotens ist bereits beschlossen. Am Hbf und in Deutz werden zusätzliche Bahnsteige für die S-Bahn gebaut werden. Anschließend wird mit der Westspange ein weiterer oberirdischer Ausbau folgen und südlich der Gummersbacher Straße sind zwei zusätzliche Gleise geplant, die direkt in den Deutzer Tiefbahnhof führen werden.

Die Bahn wird wohl kaum ein paar Jahre nach Fertigstellung diese Milliardenprojekte wieder abreißen.

Und noch eine Bemerkung zur Schaffung von neuen Wohnungen und Büros: Köln hat noch ein sehr großes Potential zur Nachverdichtung. Am laufenden Band werden Industrie und Gewerbeflächen in neue Quartiere umgewandelt, wie z.B. jetzt am Güterbahnhof Ehrenfeld, in der Parkstadt Süd und am Deutzer Hafen. Weitere Potentiale gibt es auf den vielen Parkplätzen in Köln, wo auf Stelzen neue Häuser gebaut werden können. Und auch über Bahngleisen können neue Gebäude gebaut werden, wie jetzt erstmals am Clarenbachplatz umgesetzt.

1 Kommentar
  1. Thomas Müller
    Thomas Müller sagte:

    Lieber Nicolas Blume,

    wir greifen Deine sachlichen Hinweise zum Nahverkehr gerne auf und diskutieren diese in unserer Arbeitsgruppe. Gerne tauschen wir uns dazu auch mit Dir persönlich aus, wenn Du dazu bereit bist.
    Deine pauschale Verteufelung von Tunneln halten wir allerdings weder verkehrstechnisch noch ökologisch für hinreichend durchdacht. Ach und 2017 hast Du ja selbst noch einen Tunnel unter dem Rhein vorgeschlagen. Wie kommt das?
    Deinen Vorwurf wir seien von der Immobilienbranche, um lukratives Bauland zu gewinnen ist albern und polemisch. Natürlich baut Prof. Paul Böhm als Architekt gerne! Aber bis auch nur eine Idee von der neuen mitte köln angegangen werden würde, ist er schon lange in Rente. Ihm und uns geht es darum, in der Stadt etwas zu bewegen.
    Das Problem des mangelnden Wohnraums, wie von Dir vorgeschlagen, mit reinen Verdichtungsmaßnahmen lösen zu wollen, ist richtig und wichtig. Aber wenn wir die Wohnungsnot auch nur ansatzweise in den Griff bekommen wollen brauchen wir weit mehr als das. Studien gehen derzeit von einem Bedarf von 6000 neue Wohnungen jedes Jahr für Köln aus. Das ist in etwa jedes Jahr ein Projekt der Größe der Parkstadt Süd – also mit Verdichtung allein sicherlich nicht leistbar.
    Die ökologischen Aspekte der Belüftung der Stadt durch neue grüne Schneisen lässt Du interessanterweise ganz aus der Diskussion. Warum?
    Wir hätten uns auch gerne mit Dir und Deinen Freunden von der Verkehrwende ausgetauscht. Aber bisher habt Ihr bei allen unseren Anfragen, ob in Social Media oder telefonisch, den Diskurs verweigert. Schade eigentlich!
    Sollte Dein Beitrag auf unserer Webseite eine Meinungsänderung Eurerseits darstellen, freuen wir uns gerne über einen Austausch (mueller@nmk.koeln)! Lasst uns treffen und offen diskutieren.

    Beste Grüße

    Thomas Müller

Kommentare sind deaktiviert.