M.Sc. Anissa Vogel, Geographisches Institut, Universität zu Köln
M.Sc. Anissa Vogel, Geographisches Institut, Universität zu Köln

M.Sc. Anissa Vogel

Geographisches Institut, Universität zu Köln

Die NMK ist für mich spannend, weil sie eben kein inkrementelles Weiterbauen ist, sondern der Versuch, Stadt bewusst neu auszurichten. Solche Momente sind selten, und genau dort entscheidet sich, ob Städte künftig anpassungsfähiger und robuster werden oder alte Strukturen fortschreiben.

Interview mit Anissa Vogel

Was hat Sie persönlich bewogen, die NMK zu unterstützen?

Die NMK ist für mich spannend, weil sie eben kein inkrementelles Weiterbauen ist, sondern der Versuch, Stadt bewusst neu auszurichten. Solche Momente sind selten, und genau dort entscheidet sich, ob Städte künftig anpassungsfähiger und robuster werden oder alte Strukturen fortschreiben. Gerade weil große Infrastruktureingriffe Dynamiken verschieben, liegt darin eine enorme Relevanz – und ein bewusst anderes Tempo und eine andere „Entwurfsenergie“ als in klassischen Planungen.

Was leistet eine stadtgeographische Perspektive bei großen Infrastruktur- und Stadtprojekten, was andere Disziplinen oft nicht abdecken?

Die Stadtgeographie fragt weniger „funktioniert es technisch?“, sondern: Was verändert sich im System der Stadt, und für wen? Sie versteht Stadt als gekoppeltes, relationales Gefüge aus Infrastruktur, Alltag, Märkten, Klima und Governance. Wir sehehen uns als Universalisten, die die Stadt als System im Blick behalten. Entscheidend ist, welche langfristigen Pfade stabilisiert oder ausgeschlossen werden. Damit lesen wir räumliche Entscheidungen eher als Strukturentscheidungen.

Was bedeutet urbane Resilienz jenseits einzelner baulicher oder technischer Lösungen?

Resilienz heißt nicht mehr Stabilität im Sinne von „Standhalten“, sondern die Fähigkeit, unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben. Entscheidungen müssen lernfähig, überprüfbar und anpassbar sein. Auch mit der Bereitschaft zur Transformation, wenn Bestehendes nicht mehr trägt. Resilienz entsteht nicht durch Einzelmaßnahmen, sondern durch die Verzahnung von sozialen und infrastrukturellen Systemen, und sie ist immer auch eine Gerechtigkeitsfrage („just resilience“), weil Risiken nicht einfach verlagert werden dürfen. Und Resilienz ist damit natürlich auch Systemrelevant, wenn Klima-
Sicherheits- und/oder Soziale Systeme ausfallen, kann das weitreichende Kaskaden auslösen.

Welche Rolle können zivilgesellschaftliche Initiativen übernehmen?

Zivilgesellschaft wirkt dort, wo formale Systeme träge sind: Sie macht Alltagswissen, Bedürfnisse und Verwundbarkeiten sichtbar und bringt sie in die Planung ein. Sie schafft Räume für Experimente und Co-Kreation, gerade bei schwer greifbaren Themen wie Klimarisiken. Gleichzeitig darf sie staatliche Verantwortung nicht ersetzen, sondern ergänzt sie als Impulsgeber und Übersetzer gesellschaftlicher Realität.

Welche Themen sollten, in der jetzigen Phase, vordergründig untersucht werden?

Im Vordergrund steht die Frage, wie ein solcher Transformationsprozess lernend organisiert werden kann: Wie werden Wirkungen überprüft, Feedback integriert und Anpassungsfähigkeit gesichert?
Zugleich braucht es eine präzise Analyse der Verteilungswirkungen: Wer profitiert wann und wo, und wo entstehen neue Belastungen, etwa beim Wohnen oder in bestehenden Quartieren?
Zentral ist außerdem, Klimaresilienz als verbindliche Steuerungsgröße zu definieren, mit messbaren Zielen (z. B. Hitze, Wasser, Sicherheit) und einer transparenten Bilanzierung der Wirkungen.